Persönliches Interview mit der Nationalrätin Edith Graf-Litscher

Ich setze mich für jene ein, die benachteiligt werden.
Ich bin für mehr soziale Gerechtigkeit und Fairness.

Sie sind schon sehr lange im politischen Umfeld aktiv und engagieren sich in verschiedenen Organisationen. Haben Sie sich schon immer gerne für andere eingesetzt?
Ja, ich habe mich tatsächlich schon immer für andere eingesetzt, die sich nicht selber wehren konnten. Das wurde mir in meinem Elternhaus mit 2 älteren Schwestern auch so vorgelebt. Mein Gerechtigkeitssinn war daher sehr früh ausgeprägt.

Können Sie sich an ein konkretes Erlebnis aus der Kindheit erinnern, wo Sie schon Ungerechtigkeit empfunden haben und das Gefühl hatten etwas tun zu müssen?
Es gab ein Erlebnis in der zweiten Klasse. Mir fiel bei einem Klassenausflug auf, dass die Lehrerin einzelne, privilegierte Kinder aus den wohlhabenden Quartieren mit dem Auto in die Badi fuhr, während andere laufen mussten. Vor allem jene mussten laufen, deren Familien eher aus der Unter- und Mittelschicht kamen. Ich sprach die Lehrerin darauf an. In meinem Zeugnis erschien daraufhin unter Betragen der Vermerk „nicht immer befriedigend“. Als meine Eltern dies sahen, wunderten sie sich und fragten bei der Lehrerin nach. Diese begründete den Vermerk mit meinem aufmüpfigen Verhalten nach diesem Klassenausflug in die Badi. Meine Eltern entgegneten der Lehrerin schon damals, dass sie mein Verhalten für gut hiessen. Wenn ich das Gefühl gehabt hatte, dass die Lehrerin die Kinder nicht gleich behandelte sondern einzelne bevorzugte, dann war es genau das Richtige was ich tat. Ich weiss noch, dass ich damals furchtbar stolz auf die Reaktion meiner Eltern war. Ich glaube, dass es dieses Erfahrung war, die mich seither antreibt mich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Und so setzte ich mich schon in jungen Jahren für andere ein, die sich selber nicht zur Wehr setzen konnten. Dies zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch meine politische und berufliche Tätigkeit.

Wie entwickelten sich ihre politischen Ambitionen?
Da mein Vater als SP Mitglied im Gemeinderat tätig war, wurde daheim schon während meiner Schulzeit viel über Politik und unsere direkte Demokratie diskutiert. In der Jugendzeit fiel mir auf, dass viele meiner Freunde sich über politische Entscheide ärgerten. „Warum machen die das?“ war eine häufige Frage. Ich wollte es nicht bei der Frage beruhen lassen. Für mich war damals schon klar, ich möchte gestaltend aktiv werden und mich für die Menschen einsetzen.

Wie hängt Ihre berufliche mit Ihrer politischen Laufbahn zusammen?
Nach meinem Mittelschulabschluss an der Verkehrsschule in St. Gallen trat ich in die Fussstapfen meines Vaters und absolvierte die Lehre bei der SBB. Nach dem Lehrabschluss bekam ich die Chance als Bahnbetriebsdisponentin auf einem Bahnhof eigenverantwortlich den Zugverkehr zu regeln, Billette ins In- und Ausland zu verkaufen und Güter abzufertigen. Selbstständig etwas gestalten und mit Menschen zu arbeiten lag mir am Herzen. Dort wurde mir mehr und mehr bewusst, wie sehr der Erfolg des Ganzen von einem Konstrukt von einzelnen Menschen abhängt. Das Zusammenspiel aller ist entscheidend für den Erfolg.

Keiner alleine kann die Welt verändern, es braucht jede und jeden einzelnen.
Wenn alle konstruktiv zusammenschaffen und jeder seinen Teil in seinem Fachbereich dazu beiträgt, dann ist das Grosse erfolgreich.

Wie kamen Sie letztlich in die Politik?
Während meiner Zeit als Bahnbetriebsdisponentin wurde ich Mitglied in der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV). Da zu der Zeit für alle SBB Mitarbeiterinnen neue Uniformen gestaltet werden sollten, entstand eine Arbeitsgruppe, für die man mich anfragte. So war der Grundstein gelegt.
Kurze Zeit später vertrat ich auch in der Frauenkommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) die Gleichstellungsanliegen der Frauen aus dem Bereich des öffentlichen Verkehrs.

Mit meinem Umzug 1991 nach Frauenfeld kam für mich immer mehr der Wunsch auf, mich auch für andere Themen politisch zu engagieren. Ich wurde Mitglied in der SP und die sog. „ politische Ochsentour“ begann. Ich kandidierte dreimal für einen Sitz im Gemeinderat der Stadt Frauenfeld, für einen Sitz im Grossen Rat des Kantons Thurgau und für den Nationalrat. Da ich aber von St. Gallen über verschiedene Wohnsitze im Kanton Zürich frisch nach Frauenfeld gezogen war, kannte mich hier niemand. Und so dauerte es, bis ich dann 2003 in den Gemeinderat gewählt wurde. Danach ging es Schlag auf Schlag. 2004 die Wahl in den Kantonsrat und 2005 folgte ich meinem verstorbenen Kollegen Jost Gross als Thurgauer SP Vertreterin in den Nationalrat. 2007 und 2011 schenkte mir die Thurgauer Bevölkerung mit der Wiederwahl ihr Vertrauen.

Heute sehe ich mich als Brückenbauerin. In meiner Tätigkeit als Sozialpartnerin und Nationalrätin habe ich einen direkten Draht und kann auf kurzen Wegen Verbindungen aufbauen und so gegenseitiges Verständnis schaffen. Mir ist es ein wichtiges Anliegen zwischen den Angestellten und der Firmenleitung, den Unternehmen und der Politik Brücken zu bauen und Lösungen zu erarbeiten, die von volkswirtschaftlichem Nutzen sind.

Was denken Sie, wie werden Sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Aufgrund meiner beruflichen Erfahrungen und zahlreichen Engagements werde ich als überparteiliche und lösungsorientierte Sachpolitikerin wahrgenommen. Es ist mir immer wichtig über den Tellerrand zu schauen und Themen differenziert zu betrachten. Meine Meinung ist geprägt durch meine persönlichen Erfahrungen und den Austausch mit Menschen. Ich setze mich für eine zeitgemässe und vorausschauende Politik ein, die allen Menschen eine faire Lebensgrundlage bietet. Diesen Grundsatz versuche ich in meiner Arbeit als Nationalrätin und Gewerkschafterin umzusetzen.

Was machen Sie, wenn sie nicht im Nationalrat oder in der Gewerkschaft sind?
Ich liebe die Natur. So oft es mir möglich ist gehe ich Joggen oder mache Nordic-Walking. Zum Wandern zieht es meinen Mann Harry und mich immer wieder ins Oberengadin. Mein Mann und ich geniessen es Freunde und Kollegen innerhalb und ausserhalb der Politik zu treffen, uns mit ihnen auszutauschen oder einfach nette Abende zu verbringen.