Persönliches Interview mit Edith Graf-Litscher

durchgeführt von Ralf Frei

“Ich setze mich für jene ein, die benachteiligt werden.
Soziale Gerechtigkeit und Fairness stehen für mich im Vordergrund.”

Was war der Ursprung deiner politischen Ambitionen?
Schon in meinem Elternhaus wurden mir zwei wichtige Lebenshaltungen mitgegeben. Einerseits, dass es wichtig ist, sich für die Allgemeinheit zu engagieren und die demokratischen Möglichkeiten in der Schweiz zu nutzen. Andererseits entsprach die sozialdemokratische Gesinnung meiner Eltern schon immer meinem Gerechtigkeitssinn. Ich vertrage es auch heute nicht, wenn Personen benachteiligt werden.

Und wie ging es dann richtig los?
Während meiner Lehre als Bahnbetriebsdisponentin bei der SBB ging es Schlag auf Schlag. Als eine der ersten Frauen, die Zugabfertigungen machten, engagierte ich mich in der Gewerkschaft SEV in einer Arbeitsgruppe für neue Frauenuniformen. Darauf folgten verschiedene Ämter in Frauenkommissionen, wodurch ich schnell mit nationalen Themen in Berührung kam.

Nach einem langen Werdegang bei der Bahn bist du mittlerweile Nationalrätin und Gewerkschaftssekretärin. Siehst du dich heute noch als “Bähnlerin”?
Auf jeden Fall! Zum einen vertrete ich beruflich und politisch die Anliegen der Angestellten des öffentlichen Verkehrs. Auf der anderen Seite treffe ich als rege ÖV-Benutzerin regelmässig auf ehemalige Arbeitskollegen. Das ist für mich pure Kollegialität und ein wunderbares Zusammengehörigkeitsgefühl. Die verschiedenen Berufsgattungen, die den ÖV ermöglichen, müssen alle ihren Teil erfüllen, damit das System funktioniert. Dazu gehöre auch ich als Gewerkschafterin und Politikerin.

Was gefällt dir am Thurgau am meisten?
Geografisch sind es die sehr kurzen Wege, sei dies in grössere Zentren oder in die Natur. Das Gebiet um den Stählibuck, in dem ich häufig als Joggerin unterwegs bin, dient mir z.B. als wichtige Kraftoase. Politisch ist es die Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird. Unterschiedliche Meinungen sind zwar klar vorhanden, die Diskussion wird aber sachlich geführt. Das erfreut mich als “Minderheitsvertreterin” immer wieder.

Was gefällt dir weniger?
Soziale und ökologische Themen haben einen schweren Stand. In Frauenfeld mussten beispielsweise Fussgänger- und Begegnungszonen zu lange warten. Umso erfreulicher ist es, dass die Bestrebungen nun in die richtige Richtung gehen.

Du bist eine Person von öffentlichem Interesse. Was bedeutet das für dich?
Schon bei meinem ersten Beruf als Bahnbetriebsdisponentin, in dem Sicherheit und Zuverlässigkeit an erster Stelle standen, war für mich klar, dass ich mich generell so verhalte, wie es im Beruf selbstverständlich war. Das ist als Politikerin, die in der Öffentlichkeit erkannt wird, genau das gleiche. Auf der anderen Seite schaffe ich mir in den Ferien und der Freizeit Rückzugsmöglichkeiten. Diese muss ich im Vergleich zwar lange im Voraus planen, geniesse sie dann aber umso mehr. 

Was denkst du über politikverdrossene Personen, die nicht wählen gehen?
In gewissen Weise verstehe ich diese Personen und sehe den Handlungsbedarf bei der Politik selbst. Einerseits müssen wir so argumentieren, dass wir nicht abgehoben politisieren, sondern immer verständlich und nah an der Bevölkerung bleiben. Wir müssen auch immer wieder neue Wege suchen, um an die Leute zu gelangen.